Im Vorfeld des geplanten Ausfluges ins Lippische wurden angesichts der aktuellen Wetterlage ja hier und da leichte Zweifel laut, ob es wirklich eine so gute Idee sei, sich ausgerechnet jetzt in den Teutoburger Wald zu stürzen.
Trotz in und um Kassel strömenden Regens behauptete wetter-online.de allerdings steif und fest, dass am Mittwoch in Detmold mit recht passablem Wetter zu rechnen sei.
Eine kurze Meinungsumfrage per Mail und Telefon ergab dann eine breite Zustimmung, die Reise anzutreten.

Wegen einer kurzfristigen Absage blieb dann doch noch ein Platz leer, aber die Reisegesellschaft konnte letztlich dennoch froh gestimmt bei leichtem Nieselregen die Expedition in die Höhenzüge der Römer und Chatten pünktlich antreten.

Mit jedem Kilometer wurde das Wetter besser und bereits kurz vor Detmold strahlte uns erstmals die Sonne an.
Da ein Fußmarsch durch das ausgedehnte LWL-Gelände ohne eine solide Grundlage ohnehin nicht anzuraten ist, funktionierten wir das angedachte 2. Frühstück kurzerhand zum Brunch um und realisierten das Buffet etwas später auf dem weitläufigen Parkplatz direkt vor dem Eingang zum Gelände:

 

Foto: Harald Bernstein

Bestens gestärkt machten wir uns sodann einzeln oder in Kleingruppen auf den Weg durch das äußerst weitläufige Gelände, das uns in eine andere Zeit versetzte.

Stilsicher sind hier ganze Gehöfte aus dem 16. – 18. Jh. liebevoll und äußerst detailliert (nach sorgfältiger Sicherung am ursprünglichen Standort) wieder aufgebaut worden und man meint beim Betreten eines westfälischen Bauernhauses aus dem 16. Jh., die Bewohner seien gerade eben nur kurz aufs Feld gegangen und auch der Bauer könne jeden Augenblick am Tisch Platz nehmen. Im riesigen Räucherboden über der Feuerstelle hängen noch die Würste und an der Wand ist das Geschirr in die Haltegestelle einsortiert.

Um das Gehöft herum wühlen Schweine in der Suhle und Hühner scharren unter den Hecken.
Natürlich darf auch der Misthaufen vor den Stallungen nicht fehlen und das Herzhäuschen daneben gehört einfach dazu.
Im Backhaus riecht man förmlich, was gerade in die Röhre geschoben wurde und es braucht nur wenig Phantasie, um den Geruch frisch gebackenen Brotes oder feiner Backwaren in die Nase steigen zu lassen.
Auch wo das Mehl herkommt bleibt kein Geheimnis: Je ein Bock- und Kappenwindmühle sowie eine Wassermühle im Betrieb zeigen anschaulich, wie einst Getreide zum unentbehrlichen Backgrundstoff veredelt wurde.

Wie das dörfliche Leben vor einigen Jahrhunderten funktionierte, wird lebensecht im östlich gelegenen „Dorf“ gezeigt: Gleich am Ortseingang sieht man aus einem Schornstein dunklen Rauch aufsteigen – der Schmied geht seiner Arbeit nach und vom Werkzeug bis zum gewaltigen Blasebalg ist dort heute alles wie einst. Die Esse wird angefaucht, Funken sprühen und unter dem singenden Klang des Schmiedehammers formt der Meister aus einem glühenden Klumpen Eisen einen Gebrauchsgegenstand, wobei ihm faszinierte Kinderaugen anhängen.

 

Foto: Rolf Becker

Das Dorf selbst ist ein absolutes Highlight: Es wirkt von Anfang bis zum Ende so, als hätte es immer dort und niemals woanders gestanden, alles ist stimmig. Der Pferdestall ist belebt, Kutscher wechseln die Pferde und das Geschirr, einige Kaltblütler naschen das Grün der angrenzenden Weide, während andere für die nächste Kutschfahrt eingespannt werden.

Der Kolonialwarenladen ist bewirtschaftet und heute kann man wie eh und je für einige Pfennige oder Cent Bonbons kaufen, die man dann von der weißbeschürzten Kauffrau in einer Papiertüte überreicht bekommt. ATA, IMI, PERSIL und HENKO stehen einträchtig im Regal und warten auf Kundschaft.
Das Atelier eines Photographen beeindruckt mit einer riesigen Plattenkamera, die dem Meister einst sicher den Besuch eines Fitness-Studios erspart hat. Wir betrachten die ausgestellten Bilder und staunen, welche Schärfe dieses Monstrum damals produzierte und konstatieren, dass dagegen manche moderne Digiknipse echt alt wirkt!
Im Wasser des Dorfteichs unter den Linden spiegelt sich malerisch und photogen ein Gehöft; das daneben liegende Wirtshaus „Weißes Ross“ verwöhnte uns mit zeitgemäßen Leckereien.

 

Foto: Rolf Becker

Viel zu schnell verflogen die Stunden und weil bereits um 18:00 Uhr der Nachtwächter ins Horn tutet und das Tor schließt, sputeten wir uns Richtung Ausgang.

Vor der Abfahrt vertilgten wir noch leckeren Streuselkuchen und starteten dann zwar mit etwas strapazierten Füßen und gesättigt mit ziemlich vielen und vielseitigen Eindrücken, aber dennoch entspannt in Richtung Nordhessen-Metropole.

 

 

Foto: Harald Bernstein

Fazit:
Es war ein wunderschöner Tag, perfekt gelungen und reich an Bildern, Erfahrungen und Erlebnissen.
All‘ denen, die nicht dabei waren, sei gesagt: Ihr habt echt etwas verpasst!

Rolf Becker, Juli 2017